Geschichts- und Heimatverein e.V. Dreieichenhain
Kräutergarten
Gab es schon Nutz- oder Ziergärten in düsteren mittelalterlichen Burgen? Sehr wohl, wenn auch oft die dafür geeigneten Flächen sehr beschränkt waren. Kräuter für medizinische Zwecke wurden dringend benötigt; sie erhielten ihr sonniges Plätzchen sogar an der steilsten Felsenkante, die Ernte war daher oft schwierig.
Später konnten sich in günstigerem Gelände größerer Burgen und Klöster die Frauen, die immer zuständig waren für Krankenpflege und Gartenarbeit, schöne regelmäßig gegliederte Kräutergärten leisten. Die Hayner Burg diente als Hauptverwaltungssitz des Reichsforstes und war im Mittelalter – während Jahrhunderte andauernder Bauerweiterungen – gewiss nicht gedacht als romantischer Lustgarten. Das Leben war hart zwischen den dicken kalten Steinmauern. Sicher käme der Burggarten von heute den Bewohnern von damals vor wie der sagenhafte Paradiesgarten.
Die heutigen Gartenanlagen passen in ihrem informellen Stil – wie begeisterte Besucher oft feststellen – sehr gut zu den Resten der alten Burgmauern.
Entstehung und Gestaltung des Kräutergartens
„Ein wonniglicher Garten soll haben Violen und Rosen, Lilien, fruchttragende Bäume, grünes Gras und einen fließenden Brunnen“, heißt es in einer zeitgenössischen Schilderung. Sie lässt die Freude von Burgbewohnern an der warmen Sommerzeit nachempfinden. Und heute? Es war ein Glücksfall, dass ab 1984 ein Unterrichtsprojekt einer benachbarten Dreieicher Gesamtschule gestartet wurde. Im Laufe von drei Jahren haben Schüler unter fachmännischer Führung aus der totalen Wildnis den Beginn für das traumhafte Paradiesgärtlein geschaffen. Die Aktion wurde damals sogar finanziell vom Land Hessen gefördert. Aromatische Kräuter und duftende Blütenpflanzen wuchsen im Laufe eines Vierteljahrhunderts zu einer weithin bekannten Gartenschönheit heran. Besonders die Rosen haben sich im Laufe von Jahrzehnten ihren strahlenden Platz erobert.
Zur Gestaltung der einzelnen Bereiche in der Burg hat Lore Wirth als Inspirationsquelle schriftliche historische Dokumente des Mittelalters (Karl der Große und Hildegard v. Bingen), wie auch Dichtung, Gemälde oder Buchmalereien genutzt. Der Kräutergarten hat sich seit Beginn der Bepflanzung in den 80er Jahren beträchtlich gewandelt. Dennoch stehen dort noch heute viele der „Rosenbegleiter“, nämlich Heil- und Aromapflanzen mediterranen Ursprungs. Rosen, Lilien, Salbei, Gamander, Lavendel, Diptam, Rosmarin oder Wilde Pfingstrose sind auch in der Landgüterverordnung Karls des Großen zu finden. Dieser soll nach der Legende eine enge Verbindung zur Hayner Burg gehabt haben. Ein zweiter Grund für die (gelungene, preisgekrönte) Verwirklichung des mittelalterlich nachempfundenen Burggartens sind die besonderen Standortbedingungen bzw. das warme örtliche Kleinklima. Der Kalkmörtel, vermischt mit den Trümmern des alten Mauerwerks hat für die Anhebung des Kalkgehaltes im Erdboden gesorgt, im Gegensatz zum sonst eher sauren Boden im übrigen Rhein-Maingebiet. Die Rosen und Kräuter zeigen jeden Sommer, wie wohl sie sich fühlen.
Kombination verschiedener Rosanarten
Kombination Alte Rosen, Wildrosenhybriden, moderne Strauchrosen
In den 1980er Jahren gab es bei den Rosenzüchtern aller Länder eine wahre Renaissance bei der Nachzüchtung sog. Alter Rosen. Sie haben, was Farben und Formen angeht, nach wie vor ihren großen Charme und Liebreiz. Leider blühen sie nur einmal. Für den Burggarten wurden sie sorgfältig ausgewählt, jedoch gruppiert mit guten, bewährten, farblich passenden Rosensorten des 20. Jahrhunderts mit sehr viel längeren und häufigeren Blühperioden.
An wenigen Stellen im Mauerwerk der Hayner Burg blüht jährlich schon im Mai eine seltene weiße ungefüllte Wildrose. Sie hat wegen stark veränderten Umweltbedingungen hier wahrscheinlich eine Zufluchtstätte gefunden, ist aber leider durch Burg-Renovierungen in neuerer Zeit – wie auch durch Efeu – vielfach verdrängt worden. Ihr botanischer Name ist Rosa corymbifera, sie ähnelt der Rosa canina (Hundsrose oder Heckenrose). Ein kostbares sehr altes Exemplar steht noch vor dem Viereckturm am Tordurchgang auf der Bühne.






